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Nacker Mann mit Frettchen an der Leine. Von Linda Wallner-Topf

Ohne Abstand, sogar nackt in großen Rudeln zusammen sein?! Geht das? Ja, das ging. Vor zwanzig Jahren durfte ich Teil und Augenzeugin einer – nennen wir es mal besonderen Freizeitaktivität – werden, die ich jetzt NUR und AUSSCHLIESSLICH deshalb vermisse, weil ich in der Quarantänehochburg sitze. Dritter Stock, zwölf Tage ohne Ausgang. Die Erinnerung, die im Übrigen bloß konstruiert ist, spuckt mir einen inneren Farbfilm aus, der unspektakulär beginnt. Spielbuseinsatz an einem Samstag im Sommer. Sagen wir Juli. Ein Kollege und ich steuern das große Gefährt in Richtung Alkoven. Das heutige Ziel: ein kleiner Privatsee in einem FKK-Areal. Das jährliche Sommerfest soll auch den Kindern in dieser Anlage ein Highlight sein. Nackt sein können sie eh schon die restlichen 364 Tage. Heute also nackt mit Hüpfburg. Einchecken wie immer: Hallo, hier wären wir! Etwas irritiert von so viel Nacktheit im Café, im Shop, im Gemeinschaftsbereich. Gänzlich unbekleidet am Fahrrad? Also Schuhe sind sc

I THINK WE’RE ALONE NOW. Von Martin Fritz

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der plan für heute: baden im fluss und paul preciado lesen, später dann queere countrymusic hören, gin tonic trinken und sister act schauen, während draußen das gewitter niedergeht aka exakt meine vorstellung des objektiv guten lebens. so habe ich das einmal schon fast vorher geschrieben, dann aber natürlich doch erst danach. und genauso habe ich damals dann auch gemacht. in der sonne liegen, lesen, einschlafen, baden: rätselhaft ist eigentlich nur, warum es nicht immer so ist, sei es am balkon, damals bei der präsidentenwahl, die hitze schon so früh im jahr, die unwirklichkeit der nachrichten, der livestreams am mobiltelefon, damals ein contrapoints -video hörend, damals im so genannten spritz5000trip , die zeitschrift diva e donna lesend, einschlafen in der sonne, storys in halbverstandenem italienisch über mir unbekannte italienische promis weiterträumend, während sich die zeit zerdehnt in ein klebriges etwas, für dessen aggregatszustand wir keine worte haben. we got no place to b

Ich kauf dein Leben. Von Mieze Medusa

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  „Ob man die Lippenstiftspuren von gestern auf der Maske sieht?“ „Ob ein Ruhepuls von 180 kurz-, mittel- oder langfristig ein Problem werden kann?“ „Ob ich im Theaterfundus so ein barockes Kleid mit Reifrock kaufen soll, damit beim Warten aufs Zahlenkönnen im Supermarkt das Abstandshalten nicht mehr eine Frage der Höflichkeit oder die Verleihung eines Darwin Awards wird?“ „Ob es mir was sagen soll, dass es auf Alkohol grad Mengenrabatt gibt, als gäb's kein Morgen mehr?" „Ob mir das sagen will, es gibt kein Morgen mehr?“ „Ob ich mir einen regenbogenfarbenen Stimmungsaufheller ins Zwerchfell einsaugen soll, weil: Der Gesellschaftliche Konsens ist grad: Wie, du als Mutter schaffst es nicht, neben dem bisschen Home Office und Haushalt auch noch den Unterricht der Kinder zu schaukeln, also wenn es unbedingt sein muss, ist es schon okay, wenn sie tageweise ihr Kind in Betreuungseinrichtungen bringt und bei der Gefahr von häuslicher Gewalt können wir schon was machen, vor alle

unterfordert und überfüttert. Von Elias Hirschl

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Foto: Benedict Steyrer Uns gehts schlecht, mein Gott gehts uns schlecht. Ui gehts uns schlecht. Ui, ui, ui. Wir sind in einem Gulag, ja unsere Wohnung ist ein Gulag, in das wir eingepfercht sind, wie ein armes kleines Schweinderl in seinem Käfig, eine Legehenne auf der Stange, zumindest wie Terrorverdächtige in einem Gefängnis nach amerikanisch-kubanischem Standard! Und was man uns nicht alles wegnimmt! Ui, ui, ui! Unsere Freiheit, unsere Kultur, unsere Saufkultur, man nimmt uns die Worte weg, die man jetzt nicht einmal mehr sagen darf, die Gedanken, die man jetzt nicht einmal mehr denken darf! Man bindet uns die Masken ins Gesicht wie einen Maulkorb! Man zwingt uns zum Händewaschen und Abstandhalten, da kann man uns ja gleich die Krallen abzwicken und die Schwänze kupieren, damit wir uns nicht gegenseitig gefährden, wie die armen, kleinen, eingesperrten, kranken Käfigferkerl, die wir sind! Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, sind wir jetzt neuerdings auch noch Sklaven e

Mein Strand im Gebirge. Von René Freund

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Foto: Thom Trauner Mein Strand im Gebirge ist das Gegenteil einer Disko: Hier fehlen die harten Beats. Hier plätschert es sanft. Hier regrediere ich nicht, nein, im Gegenteil: Ich prokrastiniere und nähere mich somit dem antiken ideal des Menschseins an, dem edlen Müßiggang. Mein Strand im Gebirge heißt „Grünau Beach“. Ich kann mit dem Rad hinfahren, aber das mache ich selten, weil die Hunde auch gern mitkommen. Also nehme ich das Auto. Ich fahre nicht weit, vielleicht zehn Minuten, und wohin genau, das werde ich natürlich nicht verraten, denn ich will auch in Zukunft allein an meinem Beach bleiben. Oder zu zweit. Auch an den heißesten Sommertagen bin ich am Grünau Beach völlig frei. Frei von Getümmel, von Imbissbuden, von Lärm, von Disko. Sogar das Handy funktioniert nur sporadisch. Ich kann nichts googeln, keine Mails abrufen, nicht facebooken, keine Fotos verschicken – nichts. Progressive Regression! Um zu dem Gebirgsflüsschen zu gelangen, an dem mein Sandstrand liegt, muss ich

Ganz ohne Pressspann. Von Norbert Trawöger

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Neunundvierzig Jahre habe ich werden müssen, um noch kein einziges Mal in der Disko gewesen zu sein. Vielleicht würde mich das immens glücklich machen? Diesen Versuch hebe ich mir noch auf, man weiß ja nie, welche Zeiten noch kommen. „Wenn Du willst, dass ich glücklich bin, sage ja!“ Fürs Glück unserer Siebenjährigen bin ich verantwortlich. Andererseits brauche ich nur Ja zu sagen, und wozu, gar nicht erst zu wissen. „Unterschreibst Du immer noch die Erfüllungen?“, fragt sie mich, als ich ein Formular ausfülle. Ich bin ihres Glückes Schmied und vermute, dass mein dahingehender Verantwortlichkeitsbereich viel größer ist, als ich es zu ahnen wage. Offen gesagt gehe ich mit dieser Glücksverantwortlichkeit sehr leichtfertig um. Der permanente Gedanke daran würde mich ums Leben bringen. – Und das sagt einer, der noch nie in der Disko war. Abnorm war ich schon immer, als Achtjähriger habe ich Tag und Nacht die Vierte von Bruckner gehört. Als Musikerkind greift man eben früh nach Flöte und Sc

Das neue Regrässlich. Eine österreichische Erfolgsgeschichte. Von Markus Köhle

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    Der Rücken bestimmt sein Leben Das Zusammenrücken bestimmt sein Leben Die Rücken der Anderen bestimmen sein Leben Klingt nach mangelhafter Selbstbestimmung mit viel Kreuz Klingt nach Frührückentrainer, Masseur oder Folterknecht Klingt nach beispielhafter Verdichtung und wenig Verständnis Soll bestimmt nachklingen in Köpfen Soll bestimmt sein Haben Soll hier ruhig aufgearbeitet werden Seine Bestimmung ist flexible Haltung Sein Beine-Po ist Kopf-Rücken Seine Parade-Moves Rückzieher und Haken Er ist Bestimmungsaufheller Er schraubt Sinnsuchsicherungen je nach Bedarf raus und wieder rein Er nimmt sich allerhand raus Er rückt zurecht und verrückt Lebensläufe Er bestimmt selbst, was recht und billig ist Er ist nicht billig, er ist willig und recht eigensinnig Sie nannten ihn Willi the Kid Alle, die ihn so nannten, sind tot Rückgratbruch Willig the Kid war vom alten Schlag Schlagstock statt Schlagabtausch War seine Devise Er hatte oft und gerne e

Versuch über den glücklichen Augenblick. Von Stefan Kutzenberger

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  Sehr verehrte Präsidentin Dominika Meindl, Sie wenden sich vertrauensvoll an mich mit dem Aufruf, einen Text zu dem Thema „Zu welchem perfekten Samstag Ihres Lebens würden Sie zurückreisen wollen?“ zu verfassen. Auch wenn mich Ihre Anfrage naturgemäß sehr freut und ehrt, sehe ich mich außerstande, dieser nachzukommen. Einen Grund dafür gibt indirekt der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk, der seinen Roman Museum der Unschuld mit diesem schönen, jedoch unsinnigen Satz beginnt: Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal . Denn wie sollte man es auch wissen? Solange das Leben nur einen Atemzug länger dauert, kann der glücklichste Augenblick noch in der Zukunft liegen, soll er sogar in der Zukunft liegen, denn es wird immer besser, muss immer besser werden, damit am Ende dann alles gut sein kann, weil wir ja wissen, solange es nicht gut ist, ist es auch nicht zu Ende. Das war meine erste Reaktion auf Ihre Anfrage, die mir immer infamer ersc

Die letzte Rückführung des Ewald Kleinhäusl. Von René Monet

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Foto: Robert Maybach Das Alltägliche verliert an Wert. Quodiana vilescunt. - Lateinisches Sprichwort Suchte man ein wort, nur ein einziges wort, das Ewald Kleinhäusl treffend beschreibt, so wäre es etwas in der art von “junggeblieben”. Da kleiner als die meisten – euphemistischer gesagt: “von der statur her nicht überragend” – war Kleinhäusl ein dünner, glatzköpfiger 55jähriger, gerade einmal 163 cm groß, obwohl er auf nachfrage gerne auf 165 aufrundete. Sein bäuchlein stand etwas hervor, allerdings nur von der seite richtig zu sehen, hier dafür umso auffälliger, was seiner ansonsten fast schon untergewichtig wirkenden generellen anmutung geschuldet war. Damit einhergehend hatte er ein rundes gesicht, faltenfrei, dunkle haare ohne grau, ein jugendliches auftreten und trug legere kleidung. Er wirkte wie 40. Der “Kleine Häusl”, wie seine stammtischfreunde, alles ehemalige schulkollegen, ihn (nicht abwertend) nannten, war seit einem schlimmen bandscheibenvorfall in fr

Frühstück am Ende des Tentakeltages. Von Andreas Topf

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Wieder einmal weckt mich die gleißende Sonne, die sich ihren Weg durch die minimalen Schlitze des fast gänzlich geschlossenen Rolladens in mein Zimmer bahnt. Es sind Sommerferien und der Faktor Zeit ist für neun Wochen angenehm relativ. Schlaftrunken tapse ich die Stiegen aus dem herrlich kühlen Kellerzimmer hinauf in die Küche. Die intensive Ladung Licht verengt meine Augenlider zu Schießscharten. Welch ein Glück, dass die Zubereitung meines Frühstücks ohne Inbetriebnahme des Großhirn funktioniert. Teller, Milch, Cerealien fügen sich wie von selbst zusammen. Erst jetzt bemerke ich meine Mutter, die mich aufmerksam beobachtet. „Was machst du da?“ fragt sie mich. Also ob sie mein morgendliches Ritual nicht kennen würde. „Frühstück.“ Meine Intonierung ließ erkennen, dass ich an ihrem Verstand zweifelte. Meine liebende Mutter quittierte es aber mit einem Lächeln und verschwand. Dann kamen Selbstzweifel auf. Während ich meine Milchsuppe löffelte und meine Augen sich zögernd immer weiter ö

Vom Vorteil der Ungenießbarkeit. Fliegenfischen in Ansfelden. Von Klaus Buttinger

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  Foto: Weihbold   Ansfelden. Zwei Steinwürfe vom dichtest befahrenen Autobahnabschnitt in Oberösterreich, ein Steinwurf von der buntesten Agglomeration von Baubedarfsselbsthilfetempeln entfernt fließt die Krems Richtung Traunfluss. Ihr Wasser befindet sich zwei Meter tief eingegraben in die sie umgebenden Maisäcker. Ein dünner Korridor aus Büschen und Bäumen dämpft die Geräusche der menschlichen Rastlosigkeit zu einem Hintergrundrauschen. In dem tiefen, grünen Tal kann man für wenig Geld Fliegenfischen. Ich bin gerne dort, fange aber meistens nichts. Das liegt an den faszinierenden Begegnungen, die man in dieser Alltagsoase hat. Sie halten einen von der Jagd nach Schuppensilber ab. Da hüpft eine Wasseramsel mit ihrem charakteristischen weißen Brustlatz um die Flusssteine. Ein blauer Blitz saust vorbei – ein Eisvogel taucht nach einem jungen Schneider. Langsam schlängelt sich eine ausgewachsene Ringelnatter mit erhobenem Kopf auf mich zu. Ich stehe bis zu den Knien im langsam f

Schilling und Stromausfall. Von Cordula Meindl

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Es ist ein Sommertag, wir sind im Volksschulalter, gerade da, bevor das Leben irgendwie zu ernst wird und einen pubertäre Leidenschaften plagen. Es ist ein Tag mitten in den Sommerferien, so Ende Juli, bevor einem doch ein wenig fad wird in den Ferien. Es ist heiß, aber nicht so Klimawandel-2-Wochen-lang-38-Grad-heiß, sondern 33 bis 35 Grad. Das Gras ist so richtig dunkelgrün, die Sommergerste ist noch nicht geerntet und wogt goldgelb unter dem blitzlauen Himmel. Wir stehen spät auf, aber weil wir ja Kinder sind, ist spät um 7:30 Uhr herum. Die Wiese ist noch feucht vom Tau, ich steige auf eine Nacktschnecke - aber das ist auch schon das ziemlich Schrecklichste, was an diesem Tag passiert. Wir spielen Räuber und Gendarm oder bauen ein Lager im Wald am Bach, vielleicht spielen wir auch Playmobil unterm Nussbaum und verlieren die letzten paar Goldmünzen vom Piratenschatz im hohen Gras. Die Mutter werkt in der Küche und macht uns einen Kirsch- oder Heidelbeerstrudel, vielle

Über das Glück in glücksnahen Zeiten. Oder: Wie hieß früher der Vesuv? Von Dominika Meindl

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Ich stelle mir die Reise ins vergangene Glück wie einen therapeutischen LSD-Trip vor. Ein Samstag in den späten 1980ern. Meine jüngste Schwester und ich wurden baden geschickt, jetzt sitzen wir mit Handtuchturban, nach Fichtennadelschaumbad duftend, in Pyjamas auf der schiachen Schnürlsamtcouch und sehen Harald Juhnke dabei zu, wie er mit der Sicherheit eines Drunken Master Kungfu-Kämpfers die lange Showtreppe herunteroszilliert. Es kann auch Peter Alexander sein, der sich als Lady Diana verkleidet. Oder, am besten: Hans Joachim Kulenkampff fragt einen grauen Menschen nach dem Namen des Vesuv, mit der Frage "Wie heißt dieser Vesuv"? Unten muss, um den Regressionszauber zu halten, auf alle Fälle das Insert "Die folgenden Sendungen beginnen mit Verspätung" durchlaufen. Weil wir in einem alkholoaffinen Haushalt aufwachsen, haben wir ein Glas Steinobstwein ("Bolero") in den klebrigen Händen. Wenn es jetzt nicht nach frischgebackenem Kuchen zu duften be